1. Philharmonisches Konzert | Zweifache Titane

Ein Gigant, ein Hüne, ein Koloss – das alles schwingt mit wenn man das Wort Titan erwähnt. Schließlich sind die Titanen das erste Göttergeschlecht der griechischen Mythologie. Beim 1. Philharmonischen Konzert gab es gleich zwei Werke, die den Begriff der Größe beinhalteten – einmal die Welturaufführung des Konzerts für Klavier und Orchester von Tzvi Avni als Auftragswerk der Duisburger Philharmoniker. Und dann natürlich Mahlers erste Sinfonie in D-Dur, die den Titanen zweitweilig im Beinamen führte.

Bevor aber das 1. Philharmonische Konzert der 133. Saison mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Hebriden“ eröffnet wurde, gab es nachdenkliche Worte unseres Intendanten Dr. Alfred Wendel. Das Drama der Loveparade ist auch an unserem Orchester nicht vorübergegangen, auch wenn es mitten in der Ferienzeit passiert ist. Nicht auf den kurzfristigen Erfolg setzen sondern auf den langfristigen, auf die Förderung der Kultur in der Stadt, das Polieren der Schätze, die sich hier verbergen – dies legte unser Intendant den Stadtoberen ans Herz.

Auf den ersten Blick ist der Bezug zum Riesen und Titanen nicht in der Ouvertüre „Die Hebriden“ von Mendelssohn Bartholdy zu sehen und zu hören. Wasser wirbelt vorüber, ein Schiff scheint sich den Inseln westlich von Schottland zu nähern. Doch seit eh und jeh ranken sich Sagen und Legenden um diese Landschaften – so sollen die Basaltsäulen Schrittsteine für Riesen oder eben für Titanen gewesen sein. 1829 unternahm Mendelssohn Bartholdy eine Reise dahin. Sein Reisebereiter Klingenmann könnte das eigentliche Sujet für die Komposition geliefert haben. Er schreibt: „Das tat nämlich die Atlantische – das reckte seine rauschenden Fühlfäden immer ungeschlachter und quirlte immer mehr […] Ein grüneres Wellengetose schlug allerdings nie in eine seltsamere Höhle – mit seinen vielen Pfeilern dem Innern einer ungeheueren Orgel zu vergleichen, schwarz, schallend und ganz zwecklos für sich allein daliegend – das weite graue Meer darin und davor.“

Genau diese Eindrücke finden sich bei Mendelssohn – weite, sanfte Wellen, die allmählich aufbranden, stürmischer werden bis das Geheimnisvoll-Romantische aufscheint. Allerdings sollte man es mit einem Programm hier nicht so genau nehmen. Schließlich schrieb Mendelssohn selbst 1842: „Das was Musik ausspricht, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte“: Der Nachhall der Reise ist allerdings in diesem kleinem Werk deutlich zu spüren – und schließlich fanden schon 1829 die ersten Skizzen zur sogenannten „Schottischen Symphonie“ statt. Drei Sätze hat das Konzert für Klavier und Orchester von Tzvi Avni,

die einzelnen Satzüberschriften dienen schon als Charakteristiken für die Musik. Dabei ist es bemerkenswert dass anders als in der üblichen Vorstellung eines Klavierkonzertes das Klavier keine überwiegenden Solostellen aufzuweisen hat. Es ist eher so als wäre das Klavier ein weiteres Instrument unter vielen, dass allerdings des öfteren Dialoge mit den breit eingesetzten Schlagwerken. Im ersten Satz sind es dann tatsächlich auch „Confrontations“, dramatisch angelegte Stellen wechseln unvermittelt mit sanfteren. Die Tonsprache Avnis ist dabei modern, verbindet ungewöhnliche Harmonien miteinander, sie bleibt aber durchaus tonal und fassbar. Motive tauchen auf, kehren wieder – so die zu Beginn des ersten Satzes nach vorne drängengenden Streicher. Der zweite Satz ist ruhiger, in sich gekehrter – „Confession“ lässt Soloinstrumenten Raum, Melodien. Im dritten Satz legt zuerst das Klavier rasende Klangperlen hin bevor das Orchester einstimmt. „Youth Images“, die Bilder der Jugend ist dieser letzte Satz überschrieben und wenn einem Alter das Rasen und Stürmen ansteht, dann doch der Jugend. Wenngleich auch hier im dritten Satz sich auch ab und an etwas Ruhe findet so ist das Drängen der Ungeduld am Besten eingefangen. Sicherlich ist das Konzert eines, das man konzentriert anhören muss, das allerdings schon alleine wegen des Schlagwerk-Gebrauchs fasziniert. Wir fühlen uns sehr geehrt, dass das Werk im Beisein des Komponisten in Duisburg seine Uraufführung feiern konnte.

Mahlers erste Sinfonie in D-Dur trug nach Jean Pauls Roman den Beinamen „Titan“, den Mahler allerdings später wieder zurückzog. Dennoch hat sich der Name für diese Sinfonie eingebürgert, deren dritter Satz mit der Umkehrung des Kanons „Bruder Jakob“ in einen Trauermarsch überrascht. Und nicht als einziger Satz Bezug auf ein Lied nimmt. Denn der erste Satz, der mit der nebelverhangenen Welt im Morgengrauen beginnt zitiert ausführlich die ersten Gedanken des Lieds „Ging heut morgen übers Feld“ aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen“. Später noch wird im dritten Satz ein Motiv, das des „Lindenbaums“ aus „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“ zu hören sein. Zuerst aber führt uns Mahler spazieren – Morgendunst, erste Vögelklinge, der Fink und Uhu sind zu hören. Zwischendurch Jagdfanfaren und ruhigere Passagen, vielleicht ein Waldstück durch das der Weg führt. Der zweite Satz übernimmt eigentlich die traditionelle Funktion des Dritten in einer Sinfonie: Das Scherzo. Wobei dieser Satz recht derb polternd daherkommt. Ein Walzer ist das nicht, eher ein Deutscher oder ein Ländler – das tanzt man in der Scheune, nicht im feinen Ballsaal. Da gehört dann eher schon das Trio hin, das zarte. Doch rasch wird es vom Ländler verdrängt.

Drei Themen begegnen uns im dritten Satz. Für uns überraschend taucht „Bruder Jakob“ hier in Moll auf. In Österreich allerdings wurde der Kanon durchaus auch in Moll gesungen, Mahler könnte ihn in dieser Form so gehört haben. Ein Trauermarsch, bei dem das Orchester in der Wiederholung gegen Ende etwas den Anschluss verloren zu haben scheint, so rasch rücken die Instrumente im Tempo dann auf. Klänge, die man sonst eher im Bereich des Klezmer, der Volksmusik Israels verorten möchte tauchen als zweites Motiv auf – das angsprochene „Lindenbaum“-Thema dann als drittes bevor der Trauermarsch zu Ende geht.

Der vierte Satz überbietet sich gerade mit Einfällen und Motiven, Mahler baut hier so viele musikalische Ideen ein dass man diesen Satz nicht nur drei- sondern am besten fünfmal hört. Erst dann wird auch klar, dass es hier durchaus eine Form gibt. Der Sonatenhauptsatz, allerdings stark variiert. Dennoch: Der Titan, der zu Anfang sich die Welt erobert hat, scheint im letzten Satz wie Kronos einst unter Zeus zu fallen. Ganz gegen Ende schiebt Mahler nochmal das Orchester an, die Hörner werden gerne stehend gespielt um das Schlussthema deutlicher hörbar zu machen. Mahler verwendet ohnehin ein sehr großes romantisches Orchester und nutzt das Fortissimo im vierten Satz gerne aus. Gewiß eine titanische Meisterleistung, die vom Orchester hier verlangt wird.

Text C. Spließ
Medien: C. Müller-Girod


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