2-3 Straßen: Christoph Perl – Ein Wiener in Duisburg

Der 29-jährige Christoph Perl zog im Januar 2010 für das Jochen-Gerz-Projekt „2-3 Straßen“ in die Sankt-Johann-Straße in Duisburg-Hochfeld. Er lebt in einer 2-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad fast unterm Dach alleine. Geboren wurde der Österreicher in Graz. Für das Projekt zog er von Wien nach Hochfeld. Perl ist bildender Künstler und hat in Amsterdam studiert. Im Interview sprach das Team von du2010.de mit ihm über sein Leben in Duisburg, das Projekt „2-3 Straßen“ und einiges mehr. Nähere Informationen zum Projekt können Sie auch der Projektbeschreibung entnommen werden.

Wie kamst du dazu beim Kulturhauptstadt-Projekt „2-3 Straßen“ von Jochen Gerz teilzunehmen?
Ich habe die Projektwebsite zufällig gefunden, als ich nach Kunst im öffentlichen Raum gesucht habe, weil mich das selbst sehr interessiert und ich dort gerne arbeite. Ich war sofort an dem Projekt interessiert und vor allem daran, es als Ausstellung zu bezeichnen, wenn man hier ein Jahr wohnt. Das war extrem spannend und dann habe ich mich beworben.

Wie möchtest du dich gerne in diesem Projekt einbringen?
Es ist nicht unbedingt ein Projekt, in dem man sich einbringt, sondern eines welches sich ganz automatisch entwickelt, weil man hier mit relativ vielen Leuten zusammen wohnt, in Wohnungen, die vorher leer gestanden haben. Das ist einfach eine Sache, die Einfluss auf die Straße nimmt oder wo die Leute merken, da passiert etwas und dann trifft man den Nachbarn und so weiter. Ich bin zum Beispiel mit meinem Auto aus Österreich angekommen und hatte mein ganzes Hab und Gut im Kofferraum und sofort waren Nachbarn zur Stelle, die mir beim Ausladen geholfen haben. Es war ein sehr nettes Willkommen und man redet miteinander, lernt sich kennen und lernt voneinander. So habe ich angefangen das Ruhrgebiet kennen zu lernen, da ich vorher nur deutsche Großstädte kannte wie etwa Berlin und Köln.

Hast du dich denn im Voraus informiert, was dich in Duisburg bzw. im Ruhrgebiet erwartet?
Ein bisschen, ich habe mir ein Buch gekauft mit alten Geschichten und Sagen aus Duisburg. Ich habe mir im Internet eine Karte des Ruhrgebiets angeschaut, um einen Überblick zu bekommen und war überrascht, wie dicht die Städte beieinander liegen. Ich wollte mich aber auch nicht zuviel vorher informieren, weil ich es einfach schön finde, ganz neu anzufangen, weil man dann einen völlig anderen Blick auf die neue Umgebung hat.

Was ist für dich der größte Kontrast zu Wien im Gegensatz zu Duisburg?
Es sieht ganz anders aus, in Wien sind die Straßen breiter. Wien nimmt sich sehr viel Platz. Andererseits ist Duisburg natürlich sehr weit gezogen, aber die Häuser und Straßen sind eher kleiner als in Wien. Und die meisten Häuser in Wien sind im Gegensatz zu Duisburg aus der Gründerzeit. Das ist einfach das, was zuerst ins Auge springt. Außerdem gibt es Unterschiede zu den Supermärkten. Hier gibt es viele türkische Läden, in Wien gibt es eher chinesische Läden. Man hat einfach unterschiedliche Einflüsse, bei seiner Essenszusammenstellung.

Wie ist das mit den Menschen?
Die Menschen im Ruhrgebiet sind sehr offen, unkompliziert, direkt und freundlich. In Wien sind sie Menschen zuerst eher skeptisch.

Wie hast du dich eingelebt?
Ich war viel hier in der näheren Umgebung spazieren. Mich hat es interessiert, was es hier in Duisburg zu Sehen gibt. Ich war im Rheinpark, in Rheinhausen, Richtung Wanheimerort, Sechs-Seen-Platte, im Zentrum. Ich bin aber immer zu Fuß gegangen, weil ich einfach finde, dass das eine nette Geschwindigkeit ist, weil man viel Zeit hat sich die Dinge anzuschauen. Der Blick bleibt einfach an jedem Geschäft hängen, das war auch günstig, weil die Wohnung ja quasi leer stand und man sieht, wo man seine Sachen zusammen bekommen kann. Man sieht Café’s, Läden und Leute. Dadurch kann man dann auch viel Schreiben.

Wie ist das kulturelle Nachtleben?
Ich war hier bisher jetzt noch nie in einer Diskothek, aber das kommt sicher noch. Ich habe auch schon geplant mal in den Innenhafen zu gehen. Am Dellplatz, im HundertMeister, war ich mal, aber aktiv am Nachtleben habe ich noch nicht teilgenommen, nur in Bars.

Haben du bereits an Veranstaltungen teilgenommen oder große Sehenswürdigkeiten besucht?
Ich habe die Zeche Zollverein in Essen und die Designausstellung dort angeschaut. Außerdem war ich bei der Neueröffnung des Folkwang-Museums und war im Museum Küppersmühle.

Wie sieht deine Alltagssituation im Gegensatz zu deinem bisherigen Leben aus?
Das ist schwierig zu sagen, weil es in Wien projektabhängig war. Es ist hier ganz anders, weil man sich hier bewusst orientiert und geschaut hat, wo gehe ich heute hin und was schaue ich mir an. Das war eine Art Erkundungsalltag. Dadurch das wir hier mietfrei wohnen können, hat man weniger Druck einfach Geld zu verdienen, man hat die Chance einfach nur zu schreiben oder einfach nur zu zeichnen und nicht im Hinterkopf zu haben, ob man damit Geld verdienen kann. Das empfinde ich als sehr angenehm.

Hast du denn vorher bereits Stationen in anderen Städten und Ländern gemacht?
Ich habe in Amsterdam und Lissabon studiert. In Deutschland kenne ich mich ganz gut in Hamburg, Berlin und Köln aus, weil ich dort schon zu Besuch war. Das sind die     Ecken, die ich besser kenne, weil ich dort Freunde habe.

Wie haben Freunde und Familie reagiert, als du gesagt hast, du gehst jetzt für das Projekt „2-3 Straßen“ ein Jahr nach Duisburg?
Meine Oma war total begeistert, obwohl sie sonst, wenn ich ins Ausland gegangen bin, es furchtbar fand. Aber ich denke, da sie aus Ostpreußen kommt, hat sie einen Bezug zu Deutschland und war auch früher schon mal in Duisburg. Meine Mutter findet das gut, weil sie eigentlich fast immer alles gut findet, was ich mache.

Wie vertrittst du hier deine Kultur?
Als ich eingezogen bin, hatte ich kurz vorher Geburtstag. Dazu habe ich einen Korb von allen möglichen österreichischen Spezialitäten mitgebracht und habe dann alle eingeladen vorbei zu kommen und mitzuessen. Dann lernt man andere kennen und isst zusammen. Essen ist ja da immer ein guter Einstiegspunkt. Ansonsten habe ich nicht das Gefühl, dass ich hergekommen bin, um meine Kultur zu vertreten.

Vermisst du das Essen aus Österreich hier?
Noch nicht! Ich finde man kann hier gut einkaufen, in Holland hatte ich deutlich mehr Probleme, was Brot und Frischgemüse angeht.

Hast du denn ein kulinarisches Lieblingsgericht aus Österreich?
Käsespätzle!

Wie gestalten sich gemeinsame Workshops mit den anderen Bewohnern?
Ich empfinde die Workshops sehr angenehm und voller Diskussionen. Man unterhält und diskutiert über das Schreiben, wie sich das Buch entwickelt, ob es möglich ist, alles unterzubringen in diesem Buch und so weiter.

Sind bereits Freundschaften zu anderen Teilnehmern entstanden?
Ja, ich bin darüber sehr positiv überrascht. Das liegt wahrscheinlich daran, weil wir alle in einer ähnlichen Situation sind und etwas gemeinsam haben.

Mit welchem Ziel möchtest du am Ende des Jahres aus diesem Projekt heraus gehen?
Ich habe mir da kein konkretes Ziel gesetzt, das tue ich eigentlich nie. Ich lasse alles völlig offen und einfach auf mich zukommen. Ich möchte einfach Leute aus meiner Umgebung näher kennen lernen und daraus lernen und gut zusammenarbeiten. Nach dem Jahr werde ich wohl wieder zurück nach Wien gehen, aber das weiß ich nicht, der Gedanke in Duisburg zu bleiben ist eher unwahrscheinlich, da ich fünf Jahre in Wien gelebt habe und es mir dort sehr gut gefällt.

Interview: Sebastian Hiedels, Falko Firlus
Fotos: Falko Firlus


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