2-3 Straßen geht zur Halbzeit neue Wege — Installation im Museum Folkwang
Die Sammlung des Museum Folkwang verändert sich: Denn seit heute öffnet sich das digitale Archiv 2-3 Straßen des gleichnamigen Projekts von Konzeptkünstler Jochen Gerz für einen Spalt: Seit Anfang Januar wächst der von vielen Menschen geschriebene Text, der im Anschluss an das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 veröffentlicht wird. Ab jetzt ist der Blick in den kreativen Prozesses hier als Installation zu sehen.
„Wir freuen uns, dass das seit langem geplante gemeinsame Projekt — der Blick auf den unzugänglichen Text von 2-3-Straßen jetzt realisiert wird. Es macht die black box des künstlerischen Prozesses für alle sichtbar. Ein solches Werk, das an einem ganz anderen Ort als dem Museum entsteht, im Museum zu zeigen, ist ein Experiment für uns“, konstatiert Hartwig Fischer, Direktor des neuen Museum Folkwang.
Auch die Öffentlichkeit wird zum Zeugen eines entstehenden Werkes.
Seit Anfang des Jahres 2010 schreiben 78 Autoren aus aller Welt an einem gemeinsamen, aber unzugänglichen und auch ihnen völlig unbekannten Text. Gleichzeitig sind sie als Mieter und Kreative ein Jahr lang Teil der Ausstellung 2-3 Straßen des Konzeptkünstlers Jochen Gerz und mischen drei Straßen im Ruhrgebiet auf. Für die Miete zahlen sie mit ihrem geschriebenen Wort. Gleich nach Ende des Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 wird das Gemeinschaftswerk veröffentlicht. Das Buch 2-3 Straßen schreiben viele Menschen. Auch die Bewohner der Straßen werden zu Autoren und zahllose Besucher der Ausstellung beteiligen sich am Schreibprozess. Bisher sind 386 Autoren mit 4.502.807 Textzeichen und 10 verschiedenen Sprachen an der Entstehung des Buches beteiligt. Alles Geschriebene verschwindet in einem digitalen Archiv. Das Manuskript ist für die Öffentlichkeit, aber auch die Autoren des Buches bis zu seiner Publikation nicht einsehbar.
Ein mikroskopischer Blick a
uf den kreativen Prozess
Die Installation 2-3 Straßen im Museum Folkwang gewährt einen flüchtigen, mikroskopischen Blick auf den kreativen Prozess: die Entstehung eines Kunstwerks. Und dennoch ist die Installation aus Sicht von Jochen Gerz kein Bruchstück: „Die Installation im Museum ist kein Fragment, sondern für die Dauer der Ausstellung immer im Entstehen, sie ist permanent und ephemer zugleich. Sie ist aber auch subjektiv wie die Zeit des Besuchers im Museum. Sie hat die Dauer eines Besuchs, unterscheidet sich daher von allen anderen ausgestellten Werken – und befindet sich an der Grenze zwischen Kunst und Leben.“
„In drei realen Straßen passieren reale Veränderungen“
Die RWE AG unterstützt die Installation 2-3 Straßen im Museum Folkwang mit einem überdimensionalen Flatscreen, der mit einer permanenten Push-up-Bewegung den Text ins Museum bringt. „Jochen Gerz gelingt es, mit einem Kunstprojekt die Öffentlichkeit zu begeistern. In drei realen Straßen des Ruhrgebiets passieren reale Veränderungen“, so Dr. Stephan Muschick, Leiter Bürgerschaftliches Engagement der RWE AG.
Die Realität hinter der Installation — Die Ausstellung 2-3 Straßen
Ein halbes Jahr lang leben die Teilnehmer bereits in den 2-3 Straßen in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr. Aus Deutschland, Europa und Übersee angereist, wurden ihnen Wohnungen mietfrei zur Verfügung gestellt. Sie wohnen in drei unscheinbaren Straßen ohne Sehenswürdigkeiten, an Orten, die nicht untypisch für das Ruhrgebiet sind. Gemeinsam mit der Bevölkerung in diesen Straßen und den Besuchern der Ausstellung schreiben sie ein Jahr lang unabhängig voneinander an einem gemeinsamen Text voller Erlebnisse, Erinnerungen, Gedanken und Geschichten. Gleichzeitig engagieren sie sich in den Straßen, indem sie mit immer wieder neuen, kreativen Projekten die Straßen konfrontieren und beeinflussen. Zur Halbzeit und aus Anlass der Präsentation der Installation im Museum Folkwang geht es auch um eine erste Bilanz. Die Frage an das ambitionierte öffentliche Gesellschaftsprojekt von Gerz heißt: Hat sich schon etwas in den Straßen verändert?
Arbeit als Experiment: Praxis von Kunst und öffentliche Autorschaft
2-3 Straßen erprobt zum einen, was die Praxis von Kunst heute sein kann. Zum anderen ist die Veränderung des Umfelds ein Ziel des Experiments, das sich nicht als Kunst allein versteht. Der Weg dahin führt über das gemeinsame Erlebnis der Autorschaft. In den Arbeiten von Jochen Gerz spielt das kreative Potenzial von Menschen, das nicht nur den individuellen Alltag, die Arbeit und Entwicklung des Einzelnen bewegt, sondern das ganze gesellschaftliche Zusammenspiel zum Ziel hat, eine zentrale Rolle. Er spricht dabei auch von „öffentlicher Autorschaft“. Diese führte ein halbes Jahr lang zu einem Manuskript von eintausend Seiten, weitere sechs Monate Kulturhauptstadtjahr, in denen der Text weiter wachsen wird, stehen bevor.
Fotos: Peter Wieler




























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