Die Kulturtechniker – Immerwährende Minuten

Der Abschluss des Literaturprogramms der Akzente bot in gewisser Weise alte Bekannte. Schon im letzten Jahr waren die Kulturtechniker mit ihrem Programm Rhein.Ruhr.SoundProsa zu Gast – diesmal wurde es um die 2010 erweitert. Es war eine Rückkehr zu den Orten, wo etliche Bilder für das Projekt entstanden.

Die Reise beginnt mit von oben gefilmten Beinbewegungen. Zu den gleichmäßigen Schritten erklingt zuerst ein leiser Klang wie von einem Glockenspiel bevor sich die Geräuschkulisse verdichtet und schlussendlich die Musik einsetzt. Ralf Werner, Violoncello und Live Elektronik, untermalt zusammen mit der Akkordeonspielerin Ruthilde Holzenkamp Texte und Bilder. Dabei stellt schon das Akkordeon eine Assoziation zum Thema Hafen her – genauso wie es auch während der Performance nochmal als Abbildung auftauchen wird, zum Schluss hin, Schifferklavier, Matrosen, Hafen.

Vorgesehen war eigentlich Ralf Thenior, der seine Minutengeschichten selbst vortragen wollte, doch persönliche Gründe hinderten ihn am Erscheinen. 150 dieser Geschichten aus dem Ruhrgebiet, ein Heimatroman in Pillenform sind entstanden, 24 Episoden von den Kulturtechnikern vertont worden. Diese Minutengeschichten mischten sich an diesem Abend mit den alltäglichen Notizen des Kölner Autors Achim Wagner und Ausschnitten aus „Visionen – eine Groteske“ aus der Feder Viktor Bölls. Vorgetragen von Martin M. Hahnemann, der bei der Geschichte über den Zusammenfluss von Rhein und Ruhr kurz auf den Balkon der Schifferbörse trat, später Sätze und Wörter in das Mikrofon sprach, die verfremdet in die Klangkulisse des Abends eingingen. Dazu die rauschhaften Bilder von Dirk Groenewold.

Aus vielen kleinen Fragmenten setzte sich allmählich das Bild des Abends zusammen. Die Nordstadt Dortmunds wurde an einem Sommerabend erkundet, die Parks in der Nähe, erzählt wurde von Hund und Herrchen. Dann der Schlenker an das Rheinorange, wo das Getriebe der Stadt fern ist. Kettenrasselgeräusche – auf der Leinwand dazu das Bild eines Containers, „Seawheel“ beschriftet, der auf ein Schiff verladen wird. Und immer wieder das verfemdete Rheinorange an dem ein Schiff vorbeifährt, geloopt, eine Bewegung ohne Anfang und ohne Ende. Passend zum Container: Die häßlichste Wurstbude der Welt im Dortmunder Hafen, wo Matrosen ihren Brunch zu sich nahmen – Bratwurst und Hansadose.

Überblendung mit der Ansage einer Zugverspätung: Köln. Hier scheint man im Text von Viktor Böll angekommen zu sein, der von einem Straßenbahnunglück erzählt – Herzinfarkt des Fahrers, die Bahn rast in ein Modengeschäft und versinkt schließlich inmitten von Dessous in die Tiefe. In all der Tragik eine stets durchschimmernde Ironie. Ebenfalls in dem Text, in dem es um die Besonderheiten der Düsseldorfer geht, die statt „Hello“ nur ein „Helau“ herausbringen. Besser dann doch einen Vokal dreimal wiederholt wie im Alaaf? War das Achim Wagner? Da die Texte nahtlos aneinander anschlossen – eine Nennung hätte die Literaturreise nur unnötig unterbrochen – war das gar nicht so einfach festzustellen.

Die Musik des Abends oszillierte zwischen melancholischen, sehnsuchtsvollen Tönen und Stücken, die sich den Rhythmus des Jazz jedoch die Melodik des Tangos entliehen hatten – ohne jemals wirklich den typischen Tangoklängen zu verfallen. Doch die Intensität und das Gefühl dieses Tanzes, der Traurigkeit mit Sinnlichkeit paart und Emotionen aufwühlen kann, dieses Gefühl lag stets im Raum. Oftmals gingen Violoncello und Akkordeon unisono während vorgefertigte Musik vom Band lief.

Die Reise des Abends endete nach einem kurzen Abstecher an einem Kanal, an dem ein Angler Manni Breuckmanns Fussball-Reportage lauschte schließlich nach einer Bahnfahrt Richtung Düsseldorf am Borsigplatz. Der Krake, die einen verschluckt – vielleicht taucht man nach drei Tagen wieder auf, vielleicht aber sinniert der Erzähler des Textes bleibt man auch auf ewig verschollen. Assoziationen ans Bermudadreieck, doch das liegt in Bochum. Erst als das Projektionsbild verblaßt wagt das Publikum zu klatschen – ein Beweis dafür, dass die Kulturtechniker perfektes Kopfkino im besten Sinne dargeboten haben.

Text: Christian Spließ

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