Henzes Phaedra – Menschen als Spielball der Götter
Alles beginnt in der Duisburger Premiere von Henzes Phaedra im Dunklen. Aus der Tiefe steigen die vier Protagonisten hervor, singen von der Ermordung des Minotaurus durch den Helden Theseus und enthüllen nach und nach sich selbst. Was anschließend im ersten Akt folgt ist die Tragödie, die durch die Komödie im zweiten Akt ins Gute gewendet wird.
Dabei wird schon in den ersten Minuten der Inszenierung von Sabine Hartmannshenn klar, dass Phaedra und Hippolyt fremdbestimmt sind. So wie Aphrodite im günen Cocktailkleid immer wieder die Bewegungen von Phaedra steuert, so ist Artemis gleichsam die Puppenspielerin von Hippolyt. Beide Menschen kommen gegen das Spiel der Götter in diesem ersten Akt nicht an. Phaedra ist die Projektion der ausufernden Liebe, die Aphrodite zu Hippolyt trägt, einer Liebe, die letzten Endes nicht gut gehen kann weil sie keine Grenzen kennt. Hippolyt, der reine Tor, kann dieser Liebe nur die Jagd und das Waldleben entgegensetzten und hat letzten Endes keine Chance: Phaedra bezichtigt ihn, sie vergewaltigt zu haben. Theseus, ihr Gatte, bekam von Poseidon drei Wünsche gewährt und wünscht sich den Tod von Hippolyt. Dessen Pferde schleifen ihn zu Tode, während Phaedra sich aufhängt.
Die klassischen Vorlagen aus denen Henze und sein Librettist Christian Lehnert den Stoff für die Oper schufen sind im ersten Akt als Vorbild zu hören und zu sehen – wenngleich der Phaedra-Mythos nicht so bekannt ist wie der von Ariadne. Mittelpunkt beider aber ist Theseus und der Minotaurus, das Mischwesen für das der Kreterkönig Minos einst das Labyrinth von niemand geringerem als dem Architekten Dädalus erbauen ließ. Während die meisten Vorlagen aber mit dem Mord an Hippolyt enden gehen Henze und Lehnert über diese hinaus und lehnen sich an Ovids „Metamorphosen“ an – denn die Geschichte von Phaedra und Hippolyt hat noch eine zweite Seite.
Ist der erste Akt von einer kompakten Musik geprägt lockert sich dies im zweiten Akt. Sounds werden von außen eingespielt, das Geräusch einer Kettensäge etwa. Während der erste Akt in einem sehr engem Raum spielte, vielleicht das moderne Foyer eines Geschäftshauses weitet sich das Bühnenbild im zweiten zu einer abgehalfterten Klinik. Wenn Artemis Gehilfe mit blutbefleckter Metzgerschürze umher rennt und einzelne Gliedmaßen auf der Bühne herumliegen liegt der Horrofilm nicht mehr in weiter Ferne. Im zweiten Akt der Henze Oper steht die Groteske im Vordergrund – Artemis kann von dem toten Hippolyt nicht lassen und erweckt ihn als Viribus erneut zum Leben. Phaedra, die zusammen mit Aphrodite in Duisburg auf einer Schaukel hereingeschwebt kommt, ist abgesandt um Hippolyt in die Unterwelt zu bringen. Etwas, was Artemis nicht dulden kann. Letzten Endes aber wird Viribus, frei von allen Erinnerungen an seine ehemalige Existenz, zum Waldgott, zum ewig grünenden – der Tanz des Lebens zur Sterblichkeit hin wird von ihm durchbrochen. Doch auch hier sind Phaedra und Hippolyt nicht frei, sie spielen das Spiel der Götter und erst, als Hippolyt zu sich selbst vordringt und sich verwandelt wird dieses Spiel gestoppt.
Der Trennpunkt, der zwischen dem ersten und den zweiten Akt der Oper gesetzt ist – allein schon aus biographischen Gründen, Henze war nach der Komposition des ersten Aktes erkrankt, fühlte sich dem Tode nah – und die Konzentration auf das Wesentliche machen den Reiz dieser Oper aus. Dank der Obertitel konnte man in Duisburg auch den Librettotext von Christian Lehnert verfolgen.
Text: Christian Spließ




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