Interview mit Jochen Gerz zum Projekt “2-3 Straßen”

“2-3 Straßen”-Initiator Jochen Gerz im Interview: Einer der international bekanntesten und wichtigsten deutschen Künstler der Gegenwart sprach mit dem Team von du2010.de. Er erklärt, wie er sich noch in das Projekt einbringt, welche Projekte innerhalb des Projektes gestartet wurden und was die Initialzündung für dieses Projekt war.

Herr Gerz, zur Zeit sind Sie wieder für Ihr Projekt „2-3 Straßen“ in Duisburg. Wozu nutzen Sie diese Zeit?
Ich nutze diese Zeit um in die Straßen des Projektes zu gehen. Gerade bin ich in der Sankt-Johann-Straße und in der Saarbrücker Straße, um mit den hier eingezogenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem In- und Ausland zu sprechen.

Ich selber komme alle 14 Tage vorbei und treffe mich mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ich informiere mich über ihre Projekte und Eigeninitiativen, mit denen sie in der Straße aktiv sind. Das ist in der hier vorherrschenden Bevölkerungsstruktur eine große Herausforderung. Dadurch, dass hier Menschen aus verschiedenen Ländern aufeinandertreffen, ergibt sich eine bunte Mischung.

Man spürt eine ausgesplitterte und misstrauische Bevölkerung, es wäre vielleicht leicht, wenn alle Ausländer sagen würden, wir gehören zusammen, aber das ist eben nicht so, sondern zerfällt in kleine Einheiten. Es ist nicht ganz einfach sich hier als neuer Mieter sichtbar zu machen und eine Rolle zu spielen. Da sind Erfahrungen, die man als Künstler gesammelt hat, sehr von Vorteil. Die Hauptsache, wie man Menschen beeinflussen kann, ist immer noch das Vormachen. Das ist auch in Mülheim und Dortmund so, obwohl diese alle sehr verschieden voneinander sind. Wir versuchen Probleme zu lösen, wenn so viele Menschen zusammenarbeiten, dabei versuchen wir nicht nur die Feuerwehr zu spielen, sondern wir wollen auch stimulieren, innovativ und kreativ sein. Wir glauben das kreative Menschen ein Wirtschaftsfaktor sind und dafür sorgen, dass gewisse Regionen attraktiver werden können. Sie machen die Realität besser erlebbar.

Warum haben Sie sich neben Mülheim und Dortmund ausgerechnet Duisburg als Projektort ausgesucht?
Es gab ein großes Interesse an dem Projekt aus den Kulturinstituten sowie den Baudezernaten und so konnte ich mir unter fünf Städten meine Kandidaten aussuchen.

Die Städte werden kleiner und wenn Schulen geschlossen werden, dann ist es nicht nur eine wirtschaftliche Krise sondern auch eine Kinderkrise, da die Gesellschaft älter wird. Das führt zu einem höheren Sicherheitsdenken. Leute, welche besessen von der eigenen Sicherheit sind, sind nicht sehr unternehmungsfreudig. Von da bis zur Kreativität ist es nicht weit. Das ist eine verängstigte Gesellschaft. Es geht einfach darum, das Städte attraktiv sein müssen. Attraktivität kann man nicht mit einer Weltmeisterschaft erreichen.

War die Wahl der Leute die hier einziehen bewusst getroffen?
Nein, wir haben in Immobilienportalen bis hin zu Kulturzeitschriften Anzeigen geschaltet. Immobilienanzeigen mit dem Hinweis, ein Jahr mietfrei wohnen zu können. Die für dieses Projekt vorher komplett sanierten Wohnungen wurden uns zum Beispiel hier in Duisburg von der Städtischen Wohnungsgesellschaft Gebag zur Verfügung gestellt. Die Gegenleistung war das tägliche Schreiben. Also eine Kulturleistung gegen eine ökonomische Leistung. Normalerweise sagt man dem Schreiben nicht besonders viele soziale Wunderdinge nach, aber hier geht es wirklich darum, täglich zu schreiben, genau wie man sich täglich die Zähne putzt.

Inwieweit nehmen Sie Einfluss auf das Projekt?
Ich nehme Einfluss auf das Projekt, indem ich immer wieder die Voraussetzungen erkläre. Ich bin aber nicht auf dem Spielfeld und werde auch nicht in dem Buch, welches erscheinen soll, mitwirken. Dort wird kein Wort von mir stehen, sondern nur von unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Wenn man lange geschrieben hat, weiß man, welche Selbstdisziplin dazu gehört, von sich selbst etwas zu fordern und daran auch noch Spaß zu haben. Wenn man Spaß an sich selber hat, geht man auch selbstbewusster auf die Straße und hat den Mut, sich beim Nachbarn zu zeigen. Und wenn dieser spürt, dass du Spaß an dir selbst hast, dann wirkt man kommunikativer.

Gerade erst war ein Teilnehmer da, der mich gefragt hat, was er denn Schreiben solle. Da habe ihm das gesagt, was ich in diesem Projekt immer sage: „Schreib was du willst!“.

Sie sind also nicht nur Projektgründer, sondern auch ein bisschen väterlicher Freund?
Der älteste Mann der dabei ist, ist 69 Jahre alt. Der Jüngste ist 19 Jahre alt und es gibt viele zwischen 25 und 40 Jahren. Es gibt in diesem Projekt Menschen, die sich für kreativ halten, aber noch mit angezogener Handbremse fahren und das Gaspedal noch nicht gefunden zu haben. Ich animiere sie, sich einfach mal „gehen“ zu lassen. Der größte Druck sind sie selbst.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schreiben fast alle regelmäßig. Schauen Sie sich täglich die Texte an?
Die Bewohnerinnen und Bewohner nutzen ein digitales Schreibtool, auf welchem auch ich die Texte online lesen kann. Wir schulen alle Beteiligten auf diesem Schreibtool. Nächsten Monat kommen sogar Wissenschaftler verschiedenster Fachbereiche aus Düsseldorf, Heidelberg und Hamburg und schauen sich an, was hier entsteht.

Sie sagten einmal, sie wollen die Stadt nicht verändern, doch Ihr Slogan heißt „… und am Ende wird meine Straße nicht mehr die gleiche sein“. Wie muss man das verstehen?
Das Ziel der Arbeit ist die Veränderung der Straße, aber nicht im städtebaulichen Sinn. Wir wollen die Menschen mit diesem Projekt bewegen und anregen. Mir ist vor allem eine gewisse Nachhaltigkeit wichtig.

Was war die Initialzündung zu diesem Projekt?
Als ich noch im Rheinland, in Düsseldorf gewohnt habe, war ich unter anderem auch im Ruhrgebiet wegen einer anderen Arbeit unterwegs. Insofern kenne ich das Ruhrgebiet. Was mich überrascht hat war die Zahl der ganzen Museen, Opernhäuser, insgesamt der Kulturlandschaft. Das gibt es nirgendwo auf der ganzen Welt. Die Einzigartigkeit spürt man hier im Ruhrgebiet sofort. Dann habe ich gesagt, ich würde gerne Leute begeistern, dass sie die Kunst nicht nur an den Wänden finden, sondern in 2-3 Straßen. Das ist einfach unglaublich toll. Diese Unscheinbarkeit einfach nach Außen tragen.

Die Bewohner starten jetzt auch eigene Projekte. Wie muss man sich dies vor-stellen und an welchen Projekten arbeiten Sie?
Genau. Drei Teilnehmer des Projekts gehen in eine Schule in Hochfeld. Ein Mathematiker unterrichtet die Kinder in Geometrie, auf eine Art und Weise, wie die Kinder es sehr gerne machen und so, wie ich es auch gerne gelernt hätte. Vielleicht wäre ich in Mathe dann nicht so eine Niete geworden. Eine weitere Teilnehmerin macht Literatur und organisiert mit den Kindern Märchen, wie zum Beispiel „Wenn ich der König von Hochfeld wäre“. Also auch ein etwas politisches Projekt. Der dritte im Bunde ist Chemiker und macht Versuche. Das findet alles am Mittwochnachmittag in der freien Zeit der Kinder statt, in der die Kinder normalerweise nur rumsitzen. Im zweiten Teil werden die Eltern eingeladen und sollen zeigen, in welchen Dingen ihre Stärken liegen. Das Input der Eltern soll aufgewertet werden.

Arbeiten mittlerweile alle Bewohner an Projekten?
Die Einen entwickeln noch Projekte und die Anderen stecken wir zu den bereits existierenden Teams. Man muss sich nicht die Beine ausreißen, sondern kann anderen helfen, die schon ein Projekt haben. Ein weiteres Projekt ist der „Salon der Hochkulturen“. Dort möchte der Teilnehmer den Menschen aus den verschiedenen Ländern klar machen, das nicht nur wir Deutschen eine Hochkultur haben, sondern auch sie. So wird zum Beispiel ein Gedicht in türkisch in einem Zimmer vorgelesen und im Nebenzimmer wird das selbe Gedicht in deutscher Übersetzung vorgetragen. Dann wird darüber diskutiert und wenn jemand ein ähnliches Gedicht kennt, kann er dieses dort auch vortragen.

Sie haben das letzte Wort.
Ich freue mich auf die zweite Halbzeit!

Herr Gerz, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Ihnen und Ihren Projekten alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft.

Interview: Sebastian Hiedels, Falko Firlus
Fotos: Falko Firlus

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