Literaturgottesdienst „Im Ruhrgebiet“ – Was ist der Mensch?
Dass im Mittelpunkt der Predigt von Pfarrer Peter Krogull ein Vers aus dem 8. Psalm steht scheint folgerichtig. Denn die Auszüge aus dem 1958 erschienenem Bildband „Im Ruhrgebiet“, zu dem Böll einen längeren Essay verfasste, stellten drei Menschenbilder in den Mittelpunkt des Literaturgottesdienstes.
Was den Niederrheiner Böll mit dem Ruhrgebiet verband erläuterte zu Beginn Dr. Jan-Pieter Barbian. Es war eine Auftragsarbeit für die Büchergilde Gutenberg, die Böll dazu brachte sich intensiver mit dem Ruhrgebiet zu befassen. Dabei, so seine Bekannten, sollte er sich doch bitteschön mit Gelsenkirchen und Essen begnügen bei seinen Recherchen – die anderen Städte seien ja nicht der Rede wert. Der Text, der zuvor im Bayerischen Rundfunk gesendet und an anderer Stelle nochmal gekürzt erschien, um die dringend benötigten Mittel für den Unterhalt der Familie zu erhalten erschien dann zusammen mit den Photografien von Chargesheimer – eigentlich Carl-Heinz Hargesheimer – 1958 als „Im Ruhrgebiet“. Es löste einen Skandal aus, da man sich gegen das Bild eines dreckigen, von Krupp, Kanonen und Macht geprägten Ruhrgebiets wehrte. Wenn, so die abschließende Bemerkung Barbians, sowohl im Christentum als auch in der Literatur des Abends der Mensch stünde, dann müsse sich die Kirche für die Menschen einsetzen, die am Rande der Gesellschaft sind – und vor allem vermisse er die Stimme der evangelischen Kirche im Duisburg in der Diskussion um die aktuellen Haushaltspläne der Stadt.
Aus der Frage „Was ist der Mensch“ wird bei Böll „Wie ist der Mensch“? Wie ist der Mensch des Ruhrgebiets der 50-er Jahre? Die ausgewählten Passagen, gelesen vom Literaturkreis der Salvatorkirche, machen die Empörung der damaligen Zeit durchaus verständlich. Da wäscht die Dreijährige eines Kumpels die Kartoffelblätter damit sie grün sind. Da ist die Sonne über dem Himmel des Ruhrgebiets allenfalls zu erahnen. Von der Idylle, die die plakativen Anwerbeschreiben für Arbeiter vom Revier malen ist in Bölls Texten nicht viel zu hören. Grau ist es und schwarz und staubig. Ja, man versteht durchaus dass den Bürgermeistern der damaligen Zeit dieser Essay über das Ruhrgebiet nicht behagte.
Die gelesenen Textausschnitte allerdings verrieten auch, dass Bölls Sympathie nicht den Großen, nicht den Krupps gilt. Er rückt die in den Mittelpunkt, die das Ruhrgebiet damals prägen: Da ist der Zuwanderer, der ohne ein Wort Deutsch zu können auf dem Hauptbahnhof in Köln herumirrt, einen Briefumschlag mit dem Ziel einer Zeche in Bochum in der Hand. Da ist der Dissident aus Ost-Berlin, der in Workuta Bergbau gelernt hat und jetzt mit seinen Ratenzahlungen im Rückstand ist – die Arbeit ist zwischen den Zahltagen langwieriger geworden und damit bekommt er weniger Geld als er dachte. Da sind die Urlaubsheimkehrer, die trotz der Schönheit der Fremde im Ruhrgebiet verankert sind. Böll rückt das Detail in den Vordergrund: Die ehemals weiße Ziege, jetzt grau geworden – die Straßenbahnfahrt mit ihren Haltepunkten – der gähnende Arbeiter, gerade von der Schicht heimgekommen – der Geschmack des Alkohols. Wenn Böll in seiner Erzählung vom Ost-Berliner Dissidenten anmerkt, dass im Ruhrgebiet genau das zu finden sei was dieser in der damaligen DDR nicht gefunden habe – Freiheit nämlich – dann ist das einerseits wahr und falsch zugleich. Denn frei ist der Mensch im Ruhrgebiet des Jahres 1958 nicht, er ist abhängig von den Mächtigen und hat im Gegensatz zu Stahl und Kohle nie Vorfahrt.
Marcin Langer kommentierte mit Saxophon und Geräuschen aus dem Ruhrgebietsalltag Bölls Text auf seine Weise. Mal war „Eine Reise mit Dir“ in der Salvatorkirche zu vernehmen, dann wiederum mischte sich das Steigerlied mit Bergewerksklängen. Marcus Strümpe an der Orgel nahm zum Schluss des Gottesdienstes das Steigerlied wieder auf. Im nächsten Literaturgottesdienst wird ein Aspekt in den Mittelpunkt gerückt, der bei Böll nicht erwähnt wird: Der Fußball. Am 30. Mai um 17:00 Uhr liest der Literaturkreis Salvatorkirche aus Frank Goosens Buch „Weil Samstag ist.“
Christian Spließ
Foto: Jens Unger





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