Thomas Bernhardts „Immanuel Kant“ – Abgründe auf See

Schon zu Beginn des Stückes könnte der Zuschauer die bitterböse Schlusspointe ahnen, denn was hat Kants Frau eigentlich ständig mit dem Stewart zu tuscheln? Überhaupt – Immanuel Kant ist doch Zeit seines Lebens aus Königsberg nie herausgekommen, geschweige denn dass er eine Schiffsreise nach Amerika unternahm. Dort soll er den Ehrendoktortitel der Columbia Universität bekommen und gleichzeitig von seinem Glaukom kuriert werden, dass ihm allmählich das Augenlicht nimmt. Wenn aber jeder auf dem Schiff sich so benimmt als wäre es wirklich Immanuel Kant – muss es dann nicht tatsächlich auch der wahre Immanuel Kant sein?

Akzeptieren wir also für die nächsten zweieinviertel Stunden die Illusion, dass Kant doch aus Königsberg herausgekommen ist, dass wo Kant ist auch Königsberg ist. Und wo Kant ist, da ist auch der große Moralisierer, Zurecht weiser, der sich um die Konventionen der Gesellschaft wenig schert. Dieser Kant hascht einerseits nach Bewunderung, will im Mittelpunkt stehen und geliebt werden – tyrannisiert aber andererseits seine Umgebung nach Strich und Faden. Michael Maertens Rolle ist also keine, die ihm die Sympathie des Zuschauers sichert. Vor allem der Umgang mit seinem Bruder Ernst Ludwig, der sich um Kants Papagei Friedrich sorgt und auch um Kant selbst kehrt den Unsympathen Kant heraus. Doch sympathisch – das sind sie alle nicht, die da auf dem Schiff versammelt sind.

Eine hysterisch agierende Haute Volee versammelt sich zum Lampionfest – hier die ordinär vor sich hinplappernde Millionärin aus Ingolfstadt, die seit 20 Jahren mit der Hebung der Titanic beschäftigt ist. Sunnyi Melles ist in ihrer Rolle hinreißend komisch, ein naives Blondchen mit Halbbildung, dass Ratschläge gibt wie man solle doch gegen Zugluft eine Strickmütze tragen. Dabei ist ihr zumindest beim Lampionfest bewußt, dass sie eigentlich nichts weiter von sich gibt als Unsinn. Wenn ihr in der Hand das Glas zerspringt und sie trotz des Blutes unbedingt auf Kant als Tanzpartner besteht, dann ist das komisch, anrührend und tragisch zugleich.

Vom Ende her gedacht ist Kants Frau, Karin Pfammatter, durchaus nachvollziehbar. Vielleicht der einzige Charakter dieser Gesellschaft, der einen Hauch der Sympathie auf sich zieht. Wie sie versucht an Bord eine Zigarette anzuzünden, es ihr gelingt und kurze Zeit darauf ihr Mann an Deck kommt – woraufhin sie die Zigarette dann in der Handtasche ausdrücken muss – das erweckt einen Hauch von Mitleid. Eine Frau, die seit 30 Jahren einen so neurotischen Unsympathen als Mann hat wird wohl auch einige kleine Ticks entwickeln. Am Schluss scheint Erleichterung über ihr Gesicht zu huschen wenn Kant endlich amerikanischen Boden betreten hat. Zu Recht. Einen schneidigen Admiral gibt Oliver Masucci ab – einer dem die Millionärin rasch zu Füßen liegt. Jedenfalls gönnt sie ihm die Ehre eines Walzers. Hackenzusammenschlagend das Kapitänsklischee erfüllend: Marcus Kiepe. Johann Adam Oest als Kunstsammler und Hans-Michael Rehbein als Kardinal geben der Gesellschaft ihre eigenen Akzente.

All diese Figuren die ständig befürchten das Schiff könne untergehen – ein Maschinenschaden wird ja expressis verbis erwähnt – reden zwar miteinander, sie reden aber aneinander vorbei. Sie reagieren höchstens wenn Michael Maertens Kant mal wieder auf sie einbrüllt oder seine Befehle äußert. Doch Nähe kommt in keiner Szene des Stücks auf, selbst als die Millionärin sich Kant aufdrängt bleibt die Distanz gewahrt. Von Vernunft auf See zu sprechen ist Kant nicht möglich und diese so beiläufig geäußerte Sentenz enthält den Schlüssel des ganzen Stückes. Die Ironie des Endes liegt darin, dass ausgerechnet Kant als derjenige, der die Vernunft und die Aufklärung gebracht hat als Wahnsinniger von der angeblichen Abordnung der Columbia-University abgeführt wird. Von Vernunft auf See kann da wahrlich keine Rede sein – und so erklärt sich auch das geheime Tuscheln zwischen dem Stewart und Kants Frau. Ein witziges und trauriges Spiel mit offenen Karten von Anfang bis Ende, ein buchstäbliches Schwanken über dem Abgrund und zum Schluss findet tatsächlich ein Untergang statt. Ein Totentanz halt.

Text: Christian Spließ

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