Wiegenlieder – Ein traumhaftes Wochenende

Am 30. und 31. Oktober 2010 verwandelte sich das Foyer der Mercatorhalle in eine Traumlandschaft. Eine kuschelige Hörlounge, von der Decke herabhängende Wolkenschäfchen, Puppen und Stoff-Tiere – das RUHR.2010-Event „Wiegenlieder“ bot für die kleinen und großen Gäste eine Expedition ins Land zwischen Wachen und Träumen.

Das Ziveli Orkestar stimmte am 30. Oktober 2010mit einem besonderen Konzert auf die Thematik ein: Zwischen Wachen und Träumen, zwischen Erwartung und Ankunft, zwischen „Noch nicht“ und „Könnte sein“ liegt das Dämmerlicht, in dem sich die Nachtgestalten wiederfinden. Wanderer zwischen Hoffnung und Gewissheit, zwischen alter und neuer Heimat sitzen sie vorerst zwischen allen Stühlen. Das Ziveli Orkestar porträtiert im inszenierten Konzert diese Nachtgestalten irgendwo in einem Ort kurz vor der Schließung der Hüttenwerke.

Was ist eigentlich Heimat? Gibt es so etwas wie eine Zweitheimat? Und wenn es diese nicht gibt, wie kann man dann in der Fremde überleben? Menschen unterschiedlicher Nation haben sich diese Fragen gestellt und jeder seine eigene Antwort auf die Fragen gefunden. Denn eine Pauschalantwort, eine, die alle Fragen auf einen Schlag beantworten könnte, die gibt es nicht. Das Zivel Orkestar erzählt von diesen Antworten, von den Schicksalen der Menschen.

Es beginnt dabei im Jahr 1955. Wirtschaftswunderland Deutschland. Während in den Städten noch teilweise der Kriegs-Schutt weggeräumt wird, braucht die aufstrebende Industrienation vor allem eins: Männer. Schließlich sind die meisten Deutschen im Krieg gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft. Die Geschichte der Gastarbeiter, die von Deutschland in den 50ger und 60ger Jahren gebraucht wurden, erzählt das Ziveli Orkestar. Im inszenierten Konzert “Nachtgestalten” stehen die Fremde und die Heimat im Mittelpunkt, werden die Biographien von Menschen erzählt, die nur zum Arbeiten herkamen und am Ende doch bis zur Rente blieben. Das beschützende Zelt, das über der Mercatorbühne hängt, dient dabei als Metapher für die Erfahrung der Heimat, für das Behütende, für die Wiegenlieder, die die Mütter in der Heimat ihren Kindern singen. Die Requisiten im Stil der 60ger-Jahre – momentan durch die Serie “Mad Men” wieder en vogue – stellen die Atmosphäre der damaligen Zeit wieder her.

Es ist kein Märchen, das hier erzählt wird, es sind Daten und Fakten der deutschen Geschichte, die in dieses Konzept-Konzert eingewoben werden – der Empfang des millionsten Gastarbeiters, der später in seiner Heimat an Krebs stirbt – die Angst der Frauen, dass ihre unter Tage arbeitenden Männer vielleicht nicht wiederkommen – das Leben der Junggesellen zwischen Männerwohnheim und Kneipe. Dinge, die knapp 50 Jahre zurückliegen und doch schon aus dem Gedächtnis entschwunden sind. Doch nicht nur die Tragik der damaligen Zeit, auch die Freude am Leben und das durchaus spöttische Kichern der Mütter, wenn die Väter sich mal um den Nachwuchs kümmern sollen und es nicht so ganz zustande bringen – auch das findet sich im Konzert wieder. Die Erkenntnisse, dass der Nettolohn doch was anderes als der Bruttolohn ist, dass Kochen die Menschen näher bringen kann, ja, schlussendlich dann die Freude darüber, dass aus den Kindern doch etwas geworden ist. Und der Schluss der Geschichte, die kein Märchen ist? Den müssen wir nach guter alter Brechtschen Art noch selber herausfinden – das Ziveli Orkestar jedenfalls lässt mit den letzten Tönen keinen Zweifel daran, dass es an ein gutes Ende glaubt.

Der Zustand zwischen Wachen und Träumen ist der, in dem die Wirklichkeit Platz macht für das Unbewusste. Halb hängt man dem Tag noch nach, halb aber schon ist man in Morpheus Armen. Welche Facetten dieser Zustand und die Nacht haben kann, das zeigten Christoph Brückner, Ingeborg Danz und Michael Gees in der Mercatorhalle am Sonntag, den 30.10. ab 11:00 Uhr.

Dabei standen bekannte Texte wie Clemens von Brentanos “Wiegenlied” ebenso im Focus wie Stephan Zweigs Geschichte “Das Fräulein.” Das weniger bekannte Märchen “Der Mond” aus der Grimm’schen Hausmärchen-Sammlung stellte sich neben das grimmige Anti-Märchen der Alten aus Büchners “Woyzeck”. Heiter porträtierte Robert Musil die Bemühungen der Gattin endlich ins Bett zu gelangen während Ursula Wölfels “Geschichte vom Gähnen” amüsant die Kettenreaktion schildert, die das Gähnen so auslösen kann.

Viel Romantik hatte sich Ingeborg Danz für dieses Konzert ausgesucht, als Zugabe durfte natürlich Brahms bekanntes “Guten Abend, gute Nacht” nicht fehlen. Ob Richard Strauss mit “Morgen!”, ob Franz Schubert mit seinem “Nachstück” oder Robert Schumanns “Mondnacht” – die Romantik prägte das Musikprogramm. Ausnahmen waren das weniger bekannte Bachsche “Der Lieben Sonne Licht und Pracht” aus dem Schemelli-Gesangbuch sowie John Dowlands “In Darkness let me dwell”. Eine reizvolle Kombination beendete das Programm: Im Wechsel rezitierten und sangen Brückner und Danz Matthias Claudius “Der Mond ist aufgegangen”.

Was über Sprachgrenzen hinweg verbindet ist die Musik. Musik, die ihren Weg aus der Fremde in den Ruhrpott gefunden hat, die fremd klingt aber die dennoch beim POLYPHONIE-Konzert in der Mercatorhalle das Publikum zum Mitsummen und Mitsingen animierte. Den Abschluss des RUHR.2010-Events machten dann die Duisburger Philharmoniker zusammen mit der fabelhaften Stimmartistin Salome Kammer und Sami Luttinen von der Deutschen Oper am Rhein.

Dabei ging die erste Strophe von “Schlaf Kindlein schlaf” im POLYPHONIE-Konzert noch textsicher über die Lippen, doch bei der zweiten Strophe mussten nicht nur Kinder sondern auch die Erwachsenen einen Blick ins Programmheft werfen. Da war der Kanon des Bruders Jakob gegen Ende des Konzertes dann doch einfacher und machte auch die Kleinsten wieder wach. Dabei war das Einschlafen bei den vielen ungewohnten Melodien und Texten doch gar nicht so einfach – oder?

Noch mit am Einfachsten zu verstehen waren die Wiegenlieder der holländischen Nachbarn, die Vera Westera vortrug. Vielleicht war dem Einen oder Anderem auch noch die türkischen Melodien bekannt – wie “Eledim Eledim Hölük Eledim” gesungen von Mustafa Mecilioglu. Das jiddische “Rozhinkes mit Mandlen” verstand man beinahe auch ohne Textbuch. Schwieriger wurde es dann beim “Wiegenlied meiner Großmutter”, ein russisches traditionelles Wiegenlied und wer das griechische “Pereto Ibne” auf Anhieb verstand muss schon Muttersprachler gewesen sein.

Wie immer bei POLYPHONIE gab es einen Abstecher in die USA – Henry Mancinis “Whistling Away The Dark” hat vom Text her vielleicht nicht auf das erste Hören mit dem Thema Wiegenlied zu tun, erzählt aber von der Angewohnheit im Dunklen die Angst durch ein Lied zu vertreiben. Vor dem Finale gab es noch ein afrikanisches Wiegenlied – “Thula baba”. Nicht vergessen darf man die Tatsache, dass das Konzert durch das Instrumental “Beloved” von Boris Vuletic eingeleitet wurde, der für die intime Besetzung des Konzertes ebenfalls die Musikarrangements schrieb.

Zum Abschluss des Wiegenlieder-Events dirigierte Gints Glinka die Duisburger Philharmoniker im Orchesterkonzert “Weißt du wieviel Sternlein stehen?” Überraschendes und Altbekanntes stand auf dem Programm, wobei Günes Gürle leider wegen einer Erkältung verhindert war. Sami Luttinen sprang für den Kollegen ein und zwei eigentlich eingeplante Lieder mussten dann kurzfristig entfallen. Dafür aber konnte an diesem Abend das Programm mit zwei Uraufführungen aufwarten: Bernhard Eichners und Peter Domnicks “Wiegenlieder-Suite” und die Komposition “Emil will nicht schlafen” von Carola Bauckholt, eine Auftragskomposition für die Duisburger Philharmoniker. Beide Stücke aber wären ohne die Stimme, den Gesang von Salome Kammer nicht denkbar gewesen.

Salome Kammer lebte in der “Wiegenlieder-Suite” sämtliche Rollen – ob Ungarin, die mit Akzent “Horch es klagt die Flöte wieder” sang oder das Sandmännchen, welches mit der Schere die Kinderhaare abschneidet wenn die Eltern nicht da sind oder das unwillige Dienstmädchen, das die Fliegen von der Wiege verscheuchen muss. Die Musik von Eichner und Domnick wirkte an manchen Stellen sehr kinoartig – ein Breitwandsound im besten Sinne – an anderen Stellen wiederum war sie zart und durchscheinend. Und mit Humor versehen.

Ebenalls mit sehr viel Humor war die typische Situation dargestellt, die wohl jede Mutter kennt: Da liegt der Kleine im Bett – und “Emil will nicht schlafen”, ja, wirft immer wieder das Spielzeug aus dem Bett! Beruhigende Laute kommen von der Mutter, alles gute Zureden nutzt aber schlussendlich dann doch nicht – herzhaftes Schimpfen sorgt am Ende des Stücks von Carola Bauckholt dann vielleicht doch noch für ein gutes Ende des Ganzen. Allerdings: So ganz sicher ist man sich da nicht. Das sehr moderne Stück fordert das Orchester heraus, lässt es sogar Notenblätter zu Boden werfen. Es erschließt sich aber schon beim ersten Hören und je länger die Beruhigungsversuche der Mutter andauern, desto mehr muss man als Zuhörer lächeln, ja, ab und an sogar kichern. Ein wenig Schadenfreude steckt auch in dieser Partitur.

Bizet, Grieg und Mozart waren in diesem Konzert dann die Altbekannten und zum Schluss entließen Salome Kammer und Sami Luttinen das Publikum mit dem bekannten “Abends will ich schlafen gehn” von Engelbert Humperdinck in eine friedliche und ruhige Nacht – wobei sie dieses Stück nochmal als Zugabe gaben und dabei tatsächlich zum Schluss beide einzuschlafen schienen… Wiegenlieder wirken halt doch.

Text: Christian Spließ
Fotos: Christoph Müller-Girod

Kommentare

  1. Ich habe zufällig Ihre Homepage gesehen und von der “Wiegenlied”-Veranstaltung im letzten Jahr gelesen. Es muss ein phantastischer Abend gewesen sein!! Eine wunderbare Idee!!

    Wird wieder eine solche Veranstaltung geplant?

    Viel Erfolg weiterhin.